Simsim Abdo von Kotti Cares über die Kriminalisierung migrantischer Jugendlicher in Berlin
Justice Collective

Mit ihrem Kollektiv Kotti Cares unterstützt Simsim Abdo Menschen ohne Staatsangehörigkeit in der Nähe des Kottbusser Tors in Berlin und stellt zugleich Verbindungen zu globalen Kämpfen für Bewegungsfreiheit und Gerechtigkeit her. Wir haben mit ihr über ihre Arbeit gesprochen, um mehr über die täglichen Kriminalisierungserfahrungen von migrantischen Jugendlichen in Berlin herauszufinden. Wie sie schildert, machen sich am Kottbusser Tor die Folgen eines lokal und global aggressiv und rassistisch geführten Krieges gegen Drogen bemerkbar.
Justice Collective (JC): Du arbeitest eng mit jungen migrantisierten Menschen am Kottbusser Tor zusammen, einem sogenannten „kriminalitätsbelasteten Ort“. Wie präsent sind Polizei und Strafen im Leben der Jugendlichen, die du betreust, und welche Begegnungen haben sie mit der Polizei?
Simsim Abdo, Kotti Cares (KC): Die Jugendlichen erleben immer wieder Gewalt, die damit einhergeht, angehalten und festgenommen zu werden. Ein wesentlicher Bestandteil der Polizeikontrollen ist das öffentliche Spektakel. Häufig werden Jugendliche vor den Augen von Schaulustigen auf demonstrative Weise festgenommen. Die Beamten bringen sie gezielt an Orte, an denen sie für alle gut sichtbar sind, und durchsuchen sie dort. Für junge Menschen ist das eine äußerst erniedrigende und unangenehme Situation. Hinzu kommen Reporter*innen und Journalist*innen, die die Polizeieinsätze begleiten und Festnahmen filmen. Das Ganze wird zu einer regelrechten Inszenierung, einer Machtdemonstration.
Berlin als Stadt und insbesondere das Kottbusser Tor sind beliebte Ziele für Tourist*innen und Partygänger*innen. Die Polizei hütete sich davor, diese Gruppen ins Visier zu nehmen, und vermeidet es, Reisende und Feiernde zu kontrollieren. Stattdessen spielen sie ein ständiges „Katz-und-Maus“-Spiel, bei dem sich die Polizei bei Kontrollen und Durchsuchungen auf bekannte Gesichter konzentriert. Selbst wenn diese Maßnahmen nicht immer zu Festnahmen führen, ermöglichen es diese wiederholten Kontrollen der Polizei nach und nach die Jugendlichen zu identifizieren und ihre Namen und Profile zu erfassen. Da die Polizeiwache einen großen Teil des Kottbusser Tors überblickt, können Beamte auf schnellem Wege nach unten geschickt werden, um eine Kontrolle durchzuführen. Außerdem sind verdeckte Ermittler*innen im Einsatz, die Informationen an ihre Kolleg*innen weitergeben und gelegentlich selbst Festnahmen vornehmen.
JC: Würdest du also sagen, dass Racial Profiling eine Rolle spielt, wenn die Polizei entscheidet, wen sie kontrolliert und wen nicht?
KC: Ich glaube schon. Die meisten jungen Menschen, mit denen ich arbeite, und die meisten, die kontrolliert werden, sind nicht-weiße Personen. Wenn man ein bestimmtes „Erscheinungsbild“ hat – zum Beispiel einen Kleidungsstil, der auch etwas über die soziale Herkunft erahnen lässt –, wird man eher angehalten. Ich glaube, es gibt ein starkes Element von Racial Profiling, das arabische Männer einer bestimmten sozialen Schicht betrifft. Arabische Männer, die Französisch oder Englisch sprechen oder als „besser integriert“ gelten, werden dort in der Regel nicht angehalten. Es ist also eine Mischung aus Klassismus und Racial Profiling.
JC: Das Kottbusser Tor wird oft als gefährlicher Ort mit vielen Drogendelikten dargestellt und liegt in einem migrantisch geprägten Kiez. Wir argumentieren, dass die Prohibition von Drogen häufig dazu genutzt wird, rassifizierte Communities zu kontrollieren. Inwiefern hängt diese Logik des Krieges gegen Drogen deiner Meinung nach mit der Kriminalisierung von Menschen ohne Aufenthaltstitel zusammen?
KC: Das Konzept des Krieges gegen Drogen ist überall ähnlich: Historisch wurde dieser Ansatz dazu genutzt, gegen Migrant*innen vorzugehen, aber auch, um migrantische Communities und politische Bewegungen zu zerschlagen. Als in den 1970er Jahren Palästinenser*innen und andere Araber*innen nach Berlin kamen und eine Duldung erhielten, konnten sie weder studieren noch arbeiten oder etwas anderes machen. Drogen haben dann diese Lücke gefüllt, und viele Menschen sind so in stark kriminalisierte Arbeit geraten.
In Berlin ist der „Krieg gegen Drogen“ besonders selektiv. Es ist eine Stadt, in der Drogen allgegenwärtig sind. So gut wie jede*r hier nimmt Drogen. Aber die Auswirkungen davon auf den Alltag der Menschen sind nicht für alle gleich. An Orten wie dem Berghain und ähnlichen Clubs sieht man ständig einen offenen Handel mit Drogen. Ich denke, das hat mit Rassifizierung zu tun, aber auch mit Klasse: junge Menschen ohne sicheren Aufenthaltstitel werden an bestimmten öffentlichen Orten und in Vierteln wie dem Kottbusser Tor ständig von der Polizei angehalten und durchsucht, während ein ähnliches Verhalten in Orten des Nachtlebens, die bei der mittleren und oberen Schicht beliebt sind, nicht auf die gleiche Weise kontrolliert wird.
JC: Was sind deiner Meinung nach die Hauptgründe dafür, dass manche Menschen auf illegalisierte Überlebensstrategien angewiesen sind?
KC: Es gibt zahlreiche strukturell bedingte Umstände, die junge Menschen in diese Überlebensstrategien treiben, und sie sind eng miteinander verflochten. Viele der Menschen, mit denen ich arbeite, kommen aus Ländern, die als „sichere Herkunftsstaaten“ eingestuft werden, was ihre Chancen auf Asyl extrem einschränkt. Selbst wenn sie einen temporären Aufenthaltsstatus erhalten, ist dieser oft sehr kurzfristig und unsicher.
Auch ihr Alltag wird stark reglementiert. Der Zugang zu Sozialleistungen erfordert ständige persönliche Anwesenheit bei den Behörden, und die Wohnbedingungen sind oft sehr restriktiv. Viele werden bei ihrer Ankunft in abgelegenen Unterkünften im ländlichen Raum untergebracht, wo sie Isolation und Rassismus erleben und die sie oft so schnell wie möglich wieder verlassen wollen. Hinzu kommt, dass viele der jungen Menschen als Minderjährige in Europa ankommen und mehrere Länder durchqueren, bevor sie Deutschland erreichen. Sie durchqueren möglicherweise Spanien, Belgien, Frankreich oder die Schweiz und leben dabei oft auf der Straße oder unter extrem prekären Bedingungen. Bis sie in Berlin ankommen, haben sie oft bereits mehrere Formen der Ausgrenzung und Kriminalisierung erlebt.
Einige haben nur eine begrenzte oder gar keine Schulbildung, viele beherrschen keine der Sprachen, denen sie begegnen, und sie müssen sich in einem System zurechtfinden, das sie nicht verstehen. Selbst wenn es in der Theorie möglich wäre, eine Arbeitserlaubnis zu erhalten, gibt es in der Praxis viele institutionelle Hürden, die dem Weg zur Erwerbserlaubnis im Weg stehen. Infolgedessen werden Überlebensstrategien wie Betteln, Diebstahl oder Drogenhandel zu den einzigen realisierbaren Wegen, um Einkommen zu generieren. Das sind keine selbst gewählten Alternativen zur Arbeit, sondern sie ergeben sich daraus, dass realistische, legale Optionen und institutionelle Möglichkeiten fehlen.
JC: Wir haben die unverhältnismäßig harte Anwendung des Strafrechts gegenüber rassifizierten und migrantisierten Menschen dokumentiert, insbesondere den übermäßigen Einsatz von Untersuchungshaft und Freiheitsentzug. Wie wirken sich diese Formen der Bestrafung auf das Leben junger Menschen aus – insbesondere im Hinblick auf ihre Zukunftsperspektiven, ihre sozialen Anbindungen und ihre Bleibeperspektiven?
KC: Viele der jungen Menschen, mit denen ich arbeite, kommen in Untersuchungshaft. Tatsächlich habe ich bisher noch nie mit einem Jugendlichen gearbeitet, der zu einer Freiheitsstrafe verurteilt wurde, ohne zuvor in Untersuchungshaft gewesen zu sein. Diese Haftform ist besonders belastend, weil häufig lange kein Gerichtstermin feststeht und damit die Dauer der Inhaftierung völlig ungewiss bleibt. Wenn den Betroffenen nicht etwas offensichtliches wie etwa Drogenbesitz vorgeworfen wird, wissen sie häufig nicht einmal genau, warum sie festgenommen wurden oder woher die Anschuldigungen kommen. Ein Jugendlicher wurde im vergangenen August inhaftiert und im Oktober oder November zu acht Monaten Haft verurteilt. Zunächst gingen wir davon aus, dass ein Großteil der Strafe bereits verbüßt sei. Tatsächlich begann die offizielle Haftdauer jedoch erst mit dem Gerichtsurteil. Solche Erfahrungen erzeugen große Unsicherheit und ein tiefgreifendes Gefühl von Willkür.
Nach der Entlassung stehen viele mit leeren Händen da. Persönliche Gegenstände wurden in der Regel beschlagnahmt und nicht zurückgegeben – kein Handy, keine Kleidung, manchmal nicht einmal Schuhe. Für manche sind diese Verluste tief einschneidend: Ein Jugendlicher trauert bis heute um eine Jacke, die ihm besonders wichtig war und die er nie zurückerhalten hat. Viele kehren nach ihrer Entlassung zum Kottbusser Tor zurück, weil sie dort Menschen wiedertreffen, die sie kennen. Von dort aus versuchen sie, ihr Leben wieder aufzubauen.
Zwar gibt es Unterstützungsangebote für die Zeit nach der Haft, doch viele Jugendliche nehmen diese nicht in Anspruch, wenn sie diese mit dem Staat in Verbindung bringen. Der psychische Schaden, der durch die Inhaftierung entsteht, ist gravierend und oft nicht rückgängig zu machen. Jugendliche, die zuvor fürsorglich und zugewandt waren, können verändert, wütend, traumatisiert und hoffnungslos aus der Haft zurückkehren. Der Zugang zu therapeutischer Unterstützung ist erschwert – unter anderem, weil dafür eine Krankenversicherung notwendig ist und Therapien institutionell so strukturiert sind, dass sie für marginalisierte Menschen nicht geeignet sind. Wo es geeignete Hilfsangebote gibt, ist es sehr schwer, junge Menschen dazu zu bewegen, diese aufzusuchen – vor allem, wenn sie sich zu „offiziell“ anfühlen. Es sind viele Schritte nötig, bevor sie überhaupt daran denken können, an Bildungsprogrammen oder Sprachkursen teilzunehmen. Es gibt also noch viel zu tun, um Unterstützungsangebote für diese Gruppe wirklich zugänglich zu machen.
JC: Du veröffentlichst auch fiktionalisierte Geschichten, um auf die Kriminalisierung migrantischer Jugendlicher aufmerksam zu machen. Was wünschst du dir von Menschen, die diese Geschichten lesen?
KC: Ich schreibe diese Texte, weil ich denke, dass ein wichtiger erster Schritt darin besteht, die Jugendlichen stärker in bestehende migrantische Communities einzubinden. Auch innerhalb dieser Communities erfahren sie häufig Kriminalisierung und Stigmatisierung. Deshalb richtet sich die Serie insbesondere an Migrant*innen und Aktivist*innen – also an Menschen, die bereits Berührungspunkte mit diesen Themen haben. Ich habe den Eindruck, dass viele ein sehr gefestigtes Bild von den Jugendlichen haben, die sich am Kottbusser Tor aufhalten. Viele Berliner*innen glauben zu wissen, wer diese jungen Menschen sind. Gleichzeitig gibt es oft wenig echtes Interesse an ihren Lebensrealitäten oder daran, wie und warum sie dort landen. Wenn man selbst Teil der migrantischen Community ist und diesen jungen Menschen regelmäßig begegnet, warum nicht einmal anhalten und ein Gespräch beginnen?
Mehr Offenheit innerhalb von bestehenden migrantischen Communities könnte viel bewirken: Neuankommende hätten die Möglichkeit, unterschiedliche Menschen kennenzulernen, ihr soziales Umfeld zu erweitern und über eine ansonsten sehr homogene Peer-Gruppe hinaus Kontakte zu knüpfen.
Ich wünsche mir außerdem, dass Menschen anhalten, wenn sie beobachten, wie ein junger Mensch von der Polizei kontrolliert oder schikaniert wird. Auch ohne einzugreifen kann es einen Unterschied machen, einfach präsent zu sein und zu zeigen, dass man hinsieht. Wenn mehrere Personen eine Situation beobachten, ist es wahrscheinlicher, dass die Polizei die Maßnahmen nicht durchführt oder die Jugendlichen zumindest menschenwürdiger behandelt.
Simsim Abdo ist Autor*in und Aktivist*in Berlin. Sie ist unter anderem bei Kotti Cares aktiv, einem Kollektiv, das Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit vor Ort unterstützt und zugleich Verbindungen zu globalen Kämpfen für Bewegungsfreiheit und Gerechtigkeit herstellt.


