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Zusammenfassung

Ein junger Mann wird wegen des Diebstahls von Lebensmitteln, Hygieneartikeln und anderen geringwertigen Gegenständen zu einer Geldstrafe von 750 € verurteilt. Zum Tatzeitpunkt war er wohnungslos und wird zur Verhandlung aus der U-Haft vorgeführt. Obwohl das Gericht seine Probleme in Zusammenhang mit Armut und Drogengebrauch anerkennt, vertritt der Richter die Auffassung, der Angeklagte hätte zu Drogen schlicht „Nein sagen“ müssen. Das Urteil ist mit der Warnung verbunden, dass jede weitere Straftat zu einer Inhaftierung führen werde.

Kommentar

Die Einschätzung des Drogengebrauchs des Angeklagten durch das Gericht entspricht einem „War-on-Drugs“-Ansatz: Anstatt Drogengebrauch als potenziell legitime persönliche Entscheidung zu verstehen oder anzuerkennen, dass seine Ursachen und Folgen durch strukturelle Faktoren (wie Armut und Zugang zu Gesundheitsversorgung) beeinflusst werden, wird er als unmoralische Entscheidung bewertet, die zu bestrafen sei. Sowohl Richter als auch Verteidiger weisen auf Haft als Mittel der Abschreckung hin.

Während das Gericht die verhängte Geldstrafe von 750 € als milde darstellt, ist sie das für den Angeklagten keineswegs. Statt Zugang zu Wohnraum oder medizinischer Versorgung zu erhalten, wie es der Mann benötigt, erhält er eine Geldstrafe, die er voraussichtlich nicht aufbringen kann. Zahlt er nicht, droht ihm eine Ersatzfreiheitsstrafe. Die Bestrafung adressiert die strukturellen Bedingungen nicht, sondern verschärft sie.

Bericht

Dem Angeklagten wird vorgeworfen, in mehreren Berliner Supermärkten Diebstähle begangen zu haben. Noch vor Beginn der eigentlichen Verhandlung diskutieren Richter und Verteidigung darüber, ob eine Geldstrafe oder eine Bewährung angemessen sei. Der Verteidiger berichtet, er habe seinen Mandanten in der Untersuchungshaft besucht; dieser räume die Taten ein. Die entwendeten Gegenstände seien für den Eigenbedarf bestimmt gewesen und nicht zum Weiterverkauf. Der Angeklagte habe kein Einkommen, sei zum Tatzeitpunkt wohnungslos und über längere Zeit drogenabhängig gewesen.

Der Verteidiger betont anschließend, dass es seinem Mandanten inzwischen besser gehe: Er habe eine Arbeitsstelle für die Zeit nach der Entlassung in Aussicht und könne bei seinem Vater wohnen. Unter diesen Umständen halte er es für unwahrscheinlich, dass sein Mandant erneut straffällig werde, und plädiert für eine mildere Strafe.

Der Richter fragt, wann der Drogengebrauch begonnen habe. Der Verteidiger antwortet, sein Mandant habe vor etwa anderthalb Jahren auf Einfluss eines Freundes begonnen, gebrauche inzwischen aber keine Drogen mehr. Es folgt eine juristische Diskussion zwischen Richter und Staatsanwaltschaft, deren Inhalt dem Angeklagten nicht erläutert wird. Der Richter erklärt, eine Erklärung wäre zu kompliziert.

Die Staatsanwaltschaft führt aus, dass das Geständnis des Angeklagten und der geringe Wert der entwendeten Gegenstände zu seinen Gunsten zu berücksichtigen seien. Sie erkennt die finanzielle Notlage des Angeklagten und seine frühere Drogenabhängigkeit als mildernde Umstände an. Strafschärfend wirkten hingegen die zeitlich nicht lange zurückliegenden Vorstrafen. Die Staatsanwaltschaft beantragt eine Geldstrafe in Höhe von 750 €.

Der Verteidiger entgegnet, es handele sich um die erste Erfahrung seines Mandanten mit Untersuchungshaft, und diese belastende Erfahrung werde ihn künftig von weiteren Straftaten abhalten. Er beantragt daher eine geringere Geldstrafe. Der Angeklagte entschuldigt sich beim Gericht und erklärt, er werde nicht erneut straffällig.

Während der Richter über das Strafmaß berät, erklärt der Verteidiger seinem Mandanten, dass er die Geldstrafe zahlen müsse oder andernfalls eine Ersatzfreiheitsstrafe drohe. Zudem weist er darauf hin, dass die Strafe durch gemeinnützige Arbeit abgelöst werden könne und Ratenzahlung möglich sei.

Der Richter verhängt schließlich eine Geldstrafe von 750 €, die er als milde bezeichnet, und fügt hinzu: „Sie haben gesagt, ein Freund habe Sie zum Drogenkonsum verleitet. Sie sind ein erwachsener Mann und müssen auch einmal ‚Nein‘ sagen können. Das sollte Ihnen eine Lehre sein.“

Fälle aus unserem Archiv

Fall 39

Eine junge wohnungslose Frau wird zu 90 Tagessätzen Geldstrafe wegen Drogenhandels verurteilt. Die Verurteilung taucht nicht in ihrem Führungszeugnis auf, was ihr wichtig war – trotzdem bestraft das Gericht sie mit einer hohen Geldstrafe, obwohl es anerkennt, dass sie aus Not gehandelt hat.

Der Krieg gegen Drogen
Rassistisches Polizieren
Kriminalisierung von Armut
Geldstrafe
Verstoß gegen BtMG

Fall 38

Bei einer inhaftierten Person wird Cannabis in einer Menge gefunden, die normalerweise in Berlin nicht strafrechtlich verfolgt wird. Die Person wird aus der Haft zum Gericht für eine Verhandlung gebracht und schließlich zu einer Geldstrafe von 30 € verurteilt.

Der Krieg gegen Drogen
Geldstrafe
Verstoß gegen BtMG

Fall 37

Eine weiße Frau mit Wahlverteidigerin wird für den Besitz von 15 kleinen Tüten Cannabis zu einer Geldstrafe verurteilt. Die Gesamtmenge liegt knapp über dem gesetzlichen Schwellenwert für eine „nicht geringe Menge“. Das Gericht akzeptiert die Erklärung der Frau, dass das Cannabis für den persönlichen Gebrauch bestimmt war und begründet die relativ milde Strafe mit einer positiven Beurteilung der Lebenssituation der Angeklagten und ihrem „normalen bürgerlichen Leben“.

Der Krieg gegen Drogen
Geldstrafe
Verstoß gegen BtMG

Fall 36

Kurz vor der Gesetzesänderung von 2024, mit der bestimmte Formen des Anbaus, des Besitzes und des Erwerbs von Cannabis in Deutschland legalisiert wurden, wird ein junger Mann beschuldigt, Cannabis per Autolieferung verkauft zu haben. Trotz der relativ geringen Menge an gefundenem Cannabis und der Tatsache, dass der Mann Fürsorgepflichten hat und in finanziellen Schwierigkeiten steckt, fordert die Staatsanwaltschaft eine Freiheitsstrafe von über einem Jahr. Letztendlich verhängt der Richter trotz der bevorstehenden Öffnung des Cannabismarktes eine lange Bewährungsstrafe.

Der Krieg gegen Drogen
Bewährungsstrafe
Verstoß gegen BtMG

Perspektiven

Graphic with various illustrated elements, including a subway sign that reads "Kottbusser Tor"

Simsim Abdo von Kotti Cares über die Kriminalisierung migrantischer Jugendlicher in Berlin

Justice Collective

Ein Interview, das Einblicke gibt in die täglichen Kriminalisierungserfahrungen migrantischer Jugendlicher am Kottbusser Tor.

Der Krieg gegen Drogen
Rassistisches Polizieren
Collage on blue background with images of flowers, drugs, handcuffs, and a newspaper headline about the War on Drugs.

Drogenpolitik solidarisch denken - Ein Interview mit Philine Edbauer von My Brain My Choice

Justice Collective

Wir sprechen mit Philine Edbauer von der Initiative My Brain My Choice darüber, wie sich der „Krieg gegen Drogen“ in Deutschland überwinden lässt. Dabei geht es unter anderem über die Schäden, die durch den Prohibitionsansatz und Diskriminierung entstehen, die Gründe dafür, weshalb Entkriminalisierung notwendig ist und weitere transformative Ansätze für eine gerechtere Drogenpolitik.

Der Krieg gegen Drogen
Graphic illustrating the War on Drugs: Showing handcuffs, cannabis leaves, and nondescript substances

Neue Analyse veröffentlicht: Gerichte verstärken durch ihren Umgang mit Drogen strukturelle Benachteiligung

Justice Collective

Wie unsere jüngsten Beobachtungen zeigen, behandeln Gerichte Drogendelikte vor allem als Ausdruck moralischen Versagens und Kriminalität, anstatt als Fragen von Gesundheit oder sozialer Ungleichheit.

Der Krieg gegen Drogen
Coalition protesting outside of Bundestag with signs for abolishing Ersatzfreiheitsstrafe and Justice Collective

Ersatzfreiheitsstrafe ist mehr als die Bestrafung von Armut

Carmen Grimm, Bündnis zur Abschaffung der Ersatzfreiheitsstrafe

In Deutschland kommen täglich Menschen hinter Gitter, weil sie eine Geldstrafe nicht zahlen können. Kritiker*innen der Ersatzfreiheitsstrafe sind sich einig: Der ökonomische Status einer Person darf nicht über das Strafübel entscheiden. Dieser Ansicht stimmen wir als Bündnis zur Abschaffung der Ersatzfreiheitsstrafe zu – und laden immer wieder dazu ein, den Blick zu weiten für die Verschränkungen von Armut und Rassismus.

Kriminalisierung von Armut